Konzerte
Auf Konzerten trifft man mich oft an. Manche Bands möchte ich selbst sehen, zu anderen gehe ich mit.
Kunst
Ich kann nicht behaupten, dass ich mich sonderlich gut mit Kunst auskenne, Ausstellungen mag ich dennoch.
Festivals
Höchstens ein Festival pro Jahr, sage ich immer.
Ohne Erfolg.
Fleischersatz
Seit 2004 esse ich kein Fleisch mehr. Würstchen und Konsorten kommen trotzdem auf den Tisch.

Zwei Jahre später: Wie läuft's im Fashion Outlet Montabaur?

U.

Als vor zwei Jahren das Fashion Outlet Montabaur eröffnete, befand ich mich im Urlaub, und so passt es ganz gut, dass ich auch am kommenden Wochenende, wenn das Outlet mit viel Tamtam und neuen Sonderangeboten seinen zweiten Geburtstag feiert, nicht vor Ort sein kann. Nichtsdestotrotz habe ich es als Ortsansässige zwischendurch natürlich des öfteren besucht, und so nutze ich die Gelegenheit, ein kleines Fazit zu ziehen.

Bei der Eröffnung vor zwei Jahren standen noch einige Läden leer, und andere, wie etwa The Body Shop, Lindt, Converse und Tommy Hilfiger, waren lediglich angekündigt. Mittlerweile haben diese Geschäfte natürlich längst eröffnet, und weitere neue sind dazu gekommen. Dazu zählen etwa zuletzt Samsonite, Bench und Ravensburger, davor auch Joop!, Wellensteyn, Odlo, Columbia und Strellson. Letzteres Geschäft, eine Herrenmodekette, hat nicht nur dafür gesorgt, dass man im Outlet nun auch als Mann unter 50 etwas Tragbares finden kann (die anderen vorhandenen Herrengeschäfte wurden von Bekannten als "altherrenmäßig" eingestuft), sondern auch dafür, dass endlich das zweite große Ladengeschäft direkt am Outlet-Eingang vermietet ist (im anderen residiert schon seit der Eröffnung Nike). Niemals eröffnet hat dagegen das beim Outlet-Start ebenfalls angekündigte Birkenstock-Geschäft.

Nach meiner eigenen Zählung scheinen aktuell noch fünf Ladengeschäfte, allesamt klein, leer zu stehen, wobei ich natürlich nicht sagen kann, ob sie eventuell bereits vermietet sind. Eines von ihnen war es definitiv: Die Jeansmarke True Religion eröffnete letztes Jahr einen Laden und schloss diesen irgendwann sang- und klanglos wieder - logisch, dass Ladenschließungen deutlich stiller stattfinden als die -eröffnungen. Es handelt sich aber auch bislang um die einzige.


Was den generellen Erfolg des Outlets angeht, kann ich diesen nur schlecht beurteilen. Die Betreiber geben sich viel Mühe, mit diversen Aktionen Kunden anzulocken, etwa mit
verkaufsoffenen Sonntagen, Abend-Events, Nikoläusen und Engeln in der Weihnachts- und Osterhasen (auch aus Schokolade) an Ostern. Im letzten Herbst gab es ein Wochenende lang ein Foodtruck-Festival, in dessen Rahmen sich Imbisswagen von der Innenstadt (wo parallel der traditionelle Schustermarkt stattfand) bis zum Outlet zogen und so auch dem Versprechen nachkamen, die nach wie vor nicht gerade überlaufene Innenstadt in Aktionen mit einzubeziehen.

Während sich unter der Woche die Kundschaft in Grenzen hält, ist der Parkplatz am Wochenende stets voll, und die "Straße" zwischen den Geschäften voller Menschen. Aber kaufen diese auch genug, damit sich das Outlet rentiert? Bei Selbstläufern wie Nike bin ich davon überzeugt, dass sie gute Umsätze machen, bei weniger bekannten und doch hochpreisigen Ketten wie Schneider Salzburg habe ich so meine Zweifel. Und wie viele Leute kaufen sich beim Outlet-Besuch wohl Bettwäsche (zwei Geschäfte) oder Töpfe (WMF)?

In die Kategorie "weniger bekannt und hochpreisig" fällt auch der Homewear-Laden Juvia, von dem ich mittlerweile erfahren habe, dass er das Projekt von Judith Dommermuth ist - der Ehefrau des United Internet-Gründers Ralph und Schwägerin des Outlet-Chefs Rainer Dommermuth. Hier muss man sich also wohl eher keine Sorgen machen, dass der Laden mangels Umsatz geschlossen werden könnte - was mich durchaus freut, denn zu den Outlet-Preisen kaufe ich die schönen und weichen Sweatshirts gerne.


Stichwort Dommermuth: Das Fashion Outlet wurde ursprünglich von einer niederländischen Firma, Stable, geplant, gebaut und auch in Betrieb genommen, diese ist allerdings mittlerweile komplett ausgestiegen und hat alles an die Betreiberfirma Fashion Outlet Montabaur Betreibergesellschaft mbH - geleitet von Rainer Dommermuth - übergeben. Und soeben sehe ich beim Nachrichten-Check, dass ein weiterer Betreiberwechsel ansteht: Ab August wird nun das Immobilienunternehmen Neinver die Zügel übernehmen. Diese Gruppe betreut aktuell 21 Center, weiß also sicherlich, was sie tut - aber warum die vielen Führungswechsel?

Beim ersten Geburtstag vor einem Jahr vermuteten Medien, Besucher- und Umsatzziele des Outlets seien nicht erreicht worden, angeblich seien statt angepeilten 2 Millionen Besuchern nur 1,6 da gewesen.  Das könnte natürlich Anlass für die Niederländer gewesen sein, sich früher als geplant zu verabschieden.


In meinem ersten Bericht über das Outlet ging ich auch auf das Thema Parken ein: Während Montabaur an sich nicht gerade unter Parkplatznot leidet, machte das neue Outlet die Parkplatzssuche stellenweise zum Problem, denn in Bahnhofsnähe konkurrierten die Schnäppchenjäger mit den Bahnpendlern um das knappe Angebot an kostenlosen Parkplätzen. Der riesige Parkplatz des Outlets wurde, da er Geld kostete, von vielen Besuchern gemieden. Mittlerweile haben die Betreiber hier nachgegeben: Die ersten vier Stunden Parken sind dauerhaft kostenlos, und mehr Zeit wird kaum jemand brauchen, um sich im Fashion Outlet in Ruhe umzusehen.

Das Outlet ist für Montabaur sowohl als Einkaufsmöglichkeit als auch als Arbeitsplatzquelle zweifellos eine Bereicherung. Es bleibt also zu hoffen, dass die Umsätze gut genug sind und dass dritte Betreiberfirma attraktive Mieter für die letzten leeren Geschäfte findet.

Neulich unterm Josuabaum: U2 im römischen Stadio Olimpico

U.

Das erste Konzert meines Freundes war im Jahr 1987 ein Besuch bei U2, die damals bei ihrer Tournee zum aktuellen Album "The Joshua Tree" im Kölner Müngersdorfer Stadion auftraten. Mein erstes Konzert war übrigens, wie ich in diesem Blog schon öfters erwähnte, ebenfalls 1987: Depeche Mode, auch in Köln, aber in der Sporthalle, und das damalige aktuelle Album war "Music for the Masses".


Zwei exzellente Entscheidungen hinsichtlich der Wahl des ersten Konzertes, zwei ebenso exzellente Alben. Allerdings machen nur U2 anlässlich dieses Jubiläums (ihnen geht es natürlich nicht um das Kölner Konzert, sondern das Album an sich) nun eine Tournee, bei der sie "The Joshua Tree" komplett spielen - Depeche Mode dagegen veröffentlichen einfach Album um Album, dabei hätte auch bei dieser Band ein Jubiläumskonzert, bei dem ein ganzes altes Album gespielt würde, eine Erfolgsgarantie. Diese Umstände - neues und altes Album zweier Bands aus der Jugend - führen auch dazu, dass ich dieses Jahr statt der ansonsten angepeilten Zahl von null Stadionkonzerten (zu groß, zu viele Leute, zu schlechte Sicht auf die Musiker) gleich zwei besuche.


Für meinen Freund war das zweite große Argument für den Konzertbesuch die Vorband, die U2 bei den Auftritten in Europa begleiten sollte, nämlich Noel Gallagher's High Flying Birds. Er ist vermutlich der größte existierende Noel-Fan (zumindest der größte, den ich kenne) und wollte sich die Chance, sein Idol auch dieses Jahr live zu sehen, ohnehin nicht entgehen lassen. Es blieb also nur noch die Frage nach dem Ort des Geschehens, und nachdem man mir derartige Aktionen am besten in Kombination mit einem Urlaub verkaufen kann, planten wir eben eine Romreise.


Letzten Sonntag war es nun so weit, U2 gastierten an zwei Abenden hintereinander im Stadio Olimpico, wir hatten Tickets für den zweiten. Bei einem derart großen Event rechnet man natürlich mit einer längeren Einlassschlange, ganz so krass, wie sie tatsächlich wurde, hatten wir sie uns jedoch nicht vorgestellt: Die Besucher mit Tickets für den normalen Innenraum mussten sich in einem abgeriegelten Bereich anstellen, in dem man dann eingepfercht wartete... und wartete... während die Schlange sich so gut wie nicht bewegte, einem aber bei 34 Grad die Sonne direkt auf den Kopf knallte. Findige Verkäufer boten durch einen Zaun hindurch Wasserflaschen an, und da die Veranstalter anscheinend keine Illusionen über das Einlasstempo gehabt hatten, passierten wir in schneckenartiger Langsamkeit gelegentlich ein stinkendes Dixiklo.


Irgendwann hatten wir dann endlich den eigentlichen Einlass erreicht und durften wenig später ins Stadion. Dort ergatterten wir sogar Stehplätze, die nicht gerade bühnennah, aber doch besser waren, als uns die lange Schlange vor uns hatte hoffen lassen. Vor uns konnte man gut sehen, dass zum einen alles für die Vorband bereit stand und zum anderen die Bühne von seltsamen schwarzen Gartenpavillons geziert wurde. Einer schien sogar im Publikum zu stehen und versperrte sicherlich vielen die Sicht. Schnell stellte sich aber heraus, dass die Pavillons wohl nur ein Schutz für das U2-Equipment vor Erhitzung / Regen gewesen waren - sie wurden allesamt entweder vor oder nach dem Auftritt des Support Acts entfernt, und der, der ausgesehen hatte, als sei er im Publikum, zierte in Wirklichkeit eine per Steg erreichbare Zusatzbühne für den Hauptact.


Zunächst war es aber Zeit für Noel Gallagher. Dessen Bruder Liam, mit dem er bekanntlich meistens im Streit liegt, kommentierte das Engagement als Vorband von U2 anscheinend als bedenklichen Abstieg. Aber allein könnte keiner der Gallaghers ein Olympiastadion füllen. Noel begleitet die Band übrigens nur bei den europäischen Terminen, von denen der erste eine Woche vorher in London stattgefunden hatte. Damals hatten U2 ihren Support Act geehrt, indem sie als letzten Song in ihrem Set "Don't Look Back in Anger" von Oasis spielten - und Noel dazu auf die Bühne holten. Ob diese Aktion von Anfang an als einmalige Sache geplant war oder aber sich beide Bands doch nicht so gut verstehen wie erwartet, wird wohl ein Geheimnis bleiben. Gemeinsame Auftritte gab es seitdem jedenfalls nicht mehr.


Noel selbst plant für November die Veröffentlichung seines dritten Albums, man hätte also mit neuem Songmaterial rechnen können - stattdessen spielte er aber eine verkürzte Version der Setliste, die er vorletztes und letztes Jahr bei seiner eigenen Tour präsentiert hatte. Einzige Neuerung war der Gitarrist: Gem Archer, als ehemaliges Oasis- und dann Beady Eyes-Mitglied, ersetzt mittlerweile den bisherigen Gitarristen der High Flying Birds, Tim Smith, und ist damit auch der einzige Mensch, der Mitglied aller drei Bands war...


Noels Band durfte ein Drittel der gigantischen LED-Wand von U2 nutzen, auf der zum einen die Band selbst, aber gleichzeitig auch Animationen gezeigt wurden. Gleich beim ersten Song, "Everybody's on the Run", schienen Buchstaben aus Noels Mund zu kommen, was ziemlich lustig aussah. Andere Visuals kannten wir bereits von früheren Konzerten - für mich war es immerhin das fünfte dieser Band (andere würden "erst" sagen)!

Abgesehen von dem Herrn im Pretty Green-Shirt in unserer Publikums-Nachbarschaft waren wohl wenige Konzertbesucher extra wegen der Vorband erschienen, und so zeigte sich stärker als bei den vorausgegangenen Einzelkonzerten, dass die Oasis-Songs in Noels Set deutlich bekannter waren und auch besser ankamen. Zunächst löste "Little By Little" besonders starken Applaus aus, anschließend lief "Wonderwall" noch besser, und bei "Don't Look Back in Anger" war die Begeisterung noch größer - immerhin wurde dieses Lied dieses Jahr ja auch als Anti-Terror-Hymne bekannt.


Wie bei separaten Tourneen von Noel Gallagher's High Flying Birds waren auch drei Bläser mit von der Partie, die bei "In the Heat of the Moment", "Riverman" und "Half the World Away" zum Einsatz kamen.

Noel sagte, wie man das bei ihm kennt, nicht allzu viel. Zu "Champagne Supernova" hatte er die Römer mit der Aussage "I know you can sing" zum Mitsingen aufgefordert, aber vielleicht überschätzte er hier die Bekanntheit des Songtexts - ich hörte zumindest nicht viele Zuschauerstimmen, was sich, wie erwähnt, bei späteren Oasis-Songs noch ändern sollte. "AKA... What a Life!" widmete Noel, wie glaube ich immer, seiner Frau und verabschiedete sich mit den Worten "See you some time next year!" Wie ich meinen Freund so kenne, sagte Noel in Bezug auf uns die Wahrheit.


Setliste:

Intro
Everybody's on the Run
Lock All the Doors
In the Heat of the Moment
Riverman B
Champagne Supernova (Oasis cover)
You Know We Can't Go Back
Half the World Away (Oasis cover)
Little by Little (Oasis cover)
Wonderwall (Oasis cover)
Don't Look Back in Anger (Oasis cover)
AKA... What a Life!



In der Wartezeit auf den Hauptact konnten Interessierte diverse Gedichte, Zitate und Geschichten lesen, die weiß auf schwarz über die riesige LED-Wand liefen. Ich wunderte mich etwas über die Amerika-Lastigkeit der Texte, bis mir reichlich spät auffiel, dass "The Joshua Tree" ja auch ein Amerika-lastiges Album ist.

Wir wussten bereits - die Konzerte der Tour sind jeweils gleich aufgebaut - dass der Auftritt drei Blöcke umfassen würde, nämlich zunächst ältere Songs, dann "The Joshua Tree" komplett und in Album-Reihenfolge und zuletzt noch einige Lieder aus der Zeit nach 1987. Überrascht wurden wir dagegen mit dem Auftritt der Band: Dieser erfolgte nämlich nicht vor der LED-Wand, die zwar als Silhouette den Joshua Tree vom Album zeigte, aber ansonsten zunächst ungenutzt blieb, sondern auf der "Vorbühne" im Publikum (die übrigens den "Schatten" des Baums auf der Bühne darstellte und die entsprechende Form hatte - das konnte man vom Innenraum aus aber natürlich nicht sehen). Zunächst betrat Schlagzeuger Larry Mullen Jr. die Bühne und begann mit dem Intro zu "Sunday Bloody Sunday", dann folgten die anderen Bandmitglieder nach und nach, passend zu ihren Einsätzen. Beleuchtet wurden die vier nur mit Spotlights, und während ich kaum etwas sehen konnte, waren die Begeisterung und der Jubel um uns herum ohrenbetäubend - in diesem Punkt haben Stadionkonzerte eben auch ihre Vorteile.


Auf der kleinen Vorbühne folgten noch "New Year's Day" und das relativ selten gespielte "A Sort of Homecoming" (das an dieser Stelle das am Vorabend gespielte "Bad" ersetzte), sowie "Pride (in the name of love)". Zu letzterem wurde auf der LED-Wand das bekannte Martin Luther King-Zitat eingeblendet, und Bono forderte die Menge mit "Cantate Roma!" zum Mitsingen auf. Auch weitere Ansagen Bonos erfolgten häufig auf Italienisch, was das Verständnis für angereiste Besucher wie uns natürlich erschwerte, aber generell eine nette Geste war.


Es folgte nun ein "Umzug" zur Hauptbühne. Der vorher nur schemenhaft sichtbare Baum - eine Referenz zur Tourneebühne von 1987 - war nun erleuchtet, doch als nun mit "Where the Streets Have No Name" das erste Lied des gefeierten Albums begann, wurde er durch den ersten einer Reihe von Filmen ersetzt, die Regisseur und Fotograf Anton Corbijn für die Tour produziert hatte. Bei Wikipedia las ich zwischenzeitlich, dass die LED-Wand mit 61 mal 14 Metern sowohl die größte als auch die hochauflösendste ist, die je bei einer Konzerttournee zum Einsatz kam, und es sah definitiv danach aus: Der Schwarzweißfilm aus der Perspektive eines Autofahrers auf einer endlosen Landstraße mit vereinzelten Fußgängern wirkte gestochen scharf. Zu den nächsten Songs, "I Still Haven't Found What I'm Looking For" und "With or Without You" ("The Joshua Tree" spart am Anfang nicht mit Knallersongs) gab es ebenfalls großflächige Landschaftsvideos - zum letztgenannten Lied gab Bono dem Publikum das Kommando "Sing your hearts out", dem vielfach gefolgt wurde.


Zu "Bullet the Blue Sky" fokussierte sich die Aufmerksamkeit mehr auf das live-Geschehen auf der Bühne, wo Bono mit einem Scheinwerfer agierte, während "Running to stand still" eine riesige Blaskapelle auf der Leinwand zeigte. Bei diesem Song und dem folgenden "Red Hill Mining Town" spielte The Edge übrigens Keyboard. Nach "Red Hill Mining Town", das im Rahmen der laufenden Tour erstmalig live gespielt wird, fragte Bono The Edge, warum U2 wohl 30 Jahre dafür benötigt hätten, bis sie diesen Song live spielen könnten. The Edges Antwort: "Because it took us 30 years to learn how to play it?" 


Beinahe zeitgleich verkündeten nun mein Freund neben mir und Bono auf der Bühne, dass die Platte jetzt umgedreht werden müsste - es folgte die B-Seite des Albums von 1987. Zu "In God's Country" erklärte Bono, Amerika stelle als Konzept für die ganze Welt ein Versprechen dar, nur sei dieses aktuell "kind of fucked". "One Tree Hill" wurde von einem irisch-italienischen Baum auf der LED-Wand begleitet, außerdem erzählte Bono, er seit mit italienischen Opern aufgewachsen, und U2 sei auch letztlich eine "Opera Band". 


Die Kritik an den USA der Gegenwart wurde fortgeführt durch einen Filmausschnitt vor "Exit": In einer Schwarzweiß-Westernserie aus den 50er Jahren trat ein Betrüger namens Trump auf, der versprach, eine Wand um ein Dorf zu bauen, um es vor einer angeblichen Apokalypse zu schützen. Für "Exit" selbst trat Bono als Prediger mit schwarzem Hut und Sakko auf. Das letzte Lied dieses Konzertteils war "Mothers of the Disappeared", das Bono allen widmete, die von uns gegangen sind. Hierfür wurde die LED Wand ein weiteres Mal für einen Schwarzweißfilm genutzt, der dieses Mal 18 Frauen zeigte, die still nebeneinander standen und Kerzen hielten und diese nach und nach ausbliesen - wieder eine sehr beeindruckende Kombination von Song und Bild, die an diverse Militärdiktaturen in Südamerika denken ließ.


Nun verschwanden U2 kurz von der Bühne und kehren wenig später in frischen Hemden zurück. Der jetzt folgende Teil fokussierte in seiner Botschaft klar auf Politik und soziale Ungerechtigkeit. Den Anfang machte "Miss Sarajevo", das im Original von Passengers stammt, einer Zusammenarbeit zwischen U2 und Brian Eno. Das Lied wurde eingeleitet mit einem auf der Leinwand gezeigten Interview mit einem syrischen Mädchen in einem Flüchtlingslager, das Amerika als sein gelobtes Land sieht. Während des Songs zeigte die Leinwand die Lebensbedingungen in dem Flüchtlingscamp, während auf den Zuschauerrängen überraschend ein riesiges Transparent mit einem Bild des Mädchens erschien und von den Zuschauern weiter gereicht wurde.

In "Miss Sarajewo" gibt es auch eine vom mittlerweile verstorbenen Tenor Luciano Pavarotti gesungene Passage, die beim italienischen Publikum für Sonderapplaus sorgte.


Nach "Beautiful Day", "Elevation" und "Vertigo", die ohne besondere Botschaft präsentiert wurden, aber wiederum hervorragend beim Publikum ankamen ("Vertigo" wurde sehr passend von schwindelerregenden psychedelischem Mustern auf der LED-Wand begleitet) folgte "Mysterious Ways", für das Bono eine Zuschauerin aus den vorderen Reihen auf die Bühne zog und bat, mit ihm zu tanzen, wobei er sie mit einer Kamera zu fotografieren schien. Die junge Frau war am Anfang sichtlich überfordert, plötzlich mit U2 vor Tausenden Zuschauen zu stehen, fing sich aber dann. Die LED-Wand zeigte einige der Fotos von Bono, die sich aber am Ende des Songs als Minifilme entpuppten, die dann alle gleichzeitig gezeigt wurden und die Zeile "she moves in mysterious ways" untermalten.


"Ultraviolet (Light My Way)" widmete Bono allen Frauen, und zu dem Lied wurden auch zahlreiche Frauen aus ganz unterschiedlichen Kontexten eingeblendet, die von der Band als Heldinnen empfunden werden, etwa die Suffragetten, Michelle Obama, Sophie Scholl, Anne Frank, Grace Jones, Patti Smith, Pussy Riot, Madleine Albright und auch Angela Merkel - sowie viele Namen verdienter Frauen, die ich überhaupt nicht kannte.

Auch der Abschlusssong "One" kam mit politischer Botschaft: Bono verwies auf die ONE Community, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Regierungen unter Druck zu setzen, damit die Lebensbedingungen weltweit fairer werden, oder, wie Bono sagte "so that where you live does not decide if you live". Das natürlich vielfach mitgesungene und gefeierte "One" war dann leider auch der letzte Songs des Abends. Während U2 bei anderen Tourstationen zum Abschluss manchmal noch einen neuen Song präsentieren, fehlte dazu an diesem Abend offenbar die Zeit - wir hatten auch bereits vorher "Mysterious Ways" gehört, das nicht zur Standard-Setliste gehört.


Nichtsdestotrotz gefiel mir das Konzert schon beinahe ärgerlich gut - ärgerlich deshalb, weil ich eben Stadionkonzerte eigentlich nicht sonderlich mag, nun aber doch Argumente dafür bekommen habe, gelegentlich einmal eines zu besuchen. Tatsächlich passten die Band, die Videos und das begeisterte Publikum perfekt zusammen, die visuellen Effekte und Überraschungen waren wunderbar und wer weiß, vielleicht gehe ich dann 2021 wieder mit, wenn es heißt "30 Jahre "Achtung Baby"".


Setliste:

Sunday Bloody Sunday 
New Year's Day 
A Sort of Homecoming 
Pride (In the Name of Love) 

Where the Streets Have No Name 
I Still Haven't Found What I'm Looking For
With or Without You 
Bullet the Blue Sky 
Running to Stand Still 
Red Hill Mining Town 
In God's Country 
Trip Through Your Wires
One Tree Hill 
Exit 
Mothers of the Disappeared 

Miss Sarajevo (Passengers cover) 
Beautiful Day 
Elevation 
Vertigo
Mysterious Ways   
Ultraviolet (Light My Way) 
One 


Neulich unter der Autobahn: Moderat im römischen Ex Dogana

U.

Moderat stellten am späten Freitagabend den zweiten Flügel unseres römischen Konzerte-Triptychons (nach The xx) dar. Dass ein Konzert stattfinden würde, hatte man bereits vor Monaten lesen können, allerdings keine weiteren Details, insbesondere gab es zum Veranstaltungsort "Ex Dogana" quasi keine Informationen im Netz.

Das änderte sich jedoch, als ich das Event bei Facebook fand und dort zusagte (damit macht man sich selbst natürlich sehr "gläsern", aber ich finde es praktisch, wenn die Termine dann automatisch korrekt auch im Google-Kalender landen).  Die Veranstalter posteten nämlich in der Woche vor dem Termin mehrmals täglich, natürlich auf Italienisch, und in mir wuchs der Verdacht, dass der Vorverkauf vielleicht nicht allzu gut lief.


Als wir dann am Freitagabend - der Konzertbeginn war im auf Facebook veröffentlichten Zeitplan für 22 Uhr angesetzt, wobei hinterher bis 6 Uhr morgens noch mehrere DJ-Sets folgen sollten - per U-Bahn anreisten, stellte sich das Veranstaltungsgelände als ehemaliges industrielles Areal heraus, auf dem nun mehrere Flächen für kulturelle Zwecke zur Verfügung stehen. Auf dem Fußweg zum richtigen Eingang begegneten wir massenweise jungen Leuten, so dass wir die Einschätzung von wegen schlechtem Kartenverkauf schnell revidieren mussten.

Hier, bei Ex Dogana, findet auch eine Konzertreihe statt, in deren Rahmen an verschiedenen Abenden Bands auftreten - ähnlich wie bei Rock in Roma. Bei "Viteculture" hätte man unter anderem Primal Scream sehen können - sicherlich auf derselben Freilichtbühne, die wir nun, nach dem Eintreten sahen.1  Zu unserer Überraschung konnte man direkt darüber mehre Schnellstraßen sehen, auch Züge fuhren hier entlang.


Während wir offenbar direkt vor dem großen Ansturm eingetroffen waren und noch zügig Massen von Barrieren passiert hatten, füllte sich der Open Air-Bereich nun rapide. Leider führte das vor der Bühne zu massivem Gedrängel. Wir waren nicht nur sichtlich die ältesten Konzertbesucher - nur wenige schienen die 30 überschritten zu haben - wir waren auch weit und breit die einzigen, die nicht kifften. Leider machte das die anderen auch nicht ausgeglichen-ruhig, sondern nur noch redseliger.

Blöderweise stimmte der bei Facebook gepostete Zeitplan so nicht. Zwar standen ab 20 vor 10 alle gespannt vor der anscheinend fertig vorbereiteten Bühne, von der Band war jedoch nichts zu sehen - diese erschien erst 20 Minuten nach dem angekündigten Beginn.


Moderat sind bekanntlich eine Zusammenarbeit des Musiker- und DJ-Projekts Modeselektor sowie des Solokünstlers Apparat. Erst in der Wartezeit erkannte ich, dass ich, obwohl ich durchaus Musik des Projekts kenne und mag, keine Ahnung hatte, wie viele Musiker eigentlich bei Modeselektor waren, und wer da gleich überhaupt die Bühne betreten würde. Immerhin erkannte ich sofort Sacha Ring alias Apparat, den ich vor Jahren bereits einmal live gesehen hatte.

Links und rechts positionierten sich Gernot Bronsert und Sebastian Szary hinter diversen elektronischen Geräten (Modeselektor sind nämlich ein Duo), während Sascha Ring sich an das in der Mitte stehende Mikrophon begab, bei drei Songs zur Gitarre griff und sich gelegentlich zu anderen elektronischen Instrumenten zurückzog.


Nach einem kurzen Intro zeigten "Ghostmother" und "A New Error", wie textsicher die italienischen Fans waren, und wie sehr sie sich für Moderat begeistern konnten. Vor uns wurde gar mit einer Deutschlandfahne gewedelt. Der vorhandene Platz vor der Bühne wurde auf schier unerträgliche Weise immer kleiner. Meine vorherige Wahrnehmung, dass Italiener ein ausgesprochen respektvolles Konzertpublikum darstellen, musste an diesem Abend revidiert werden.

Dass es bei elektronischen Band nicht selten vorkommt, dass auf Remixe zurückgegriffen wird, zeigte uns das folgende "Running", sowie später noch "Eating Hooks" - hier folgte jeweils direkt auf den Song der zugehörige Remix. Da es keine besonders ausgeprägte Bühnenshow der drei Musiker gab, nur Gernot Bronsert animierte gelegentlich zum Mitklatschen, wurden viele Titel durch Videos untermalt. Wir sahen in Zeitlupe zerberstende Steine, Großaufnahmen von Händen, die ganz passend an Michelangelos Fresken in der Sixtinischen Kapelle erinnerten, ins Blickfeld rasende Buchstaben und vieles mehr.


Kommuniziert wurde nicht besonders viel: Für das italienische "Mille Grazie" erhielt Ring, der diesen Part für alle übernahm, extra viel Applaus, sein zweifaches deutschsprachiges "Dankeschön" wurde aus dem Zuschauerraum mit einem "Ich bin ein Kartoffel!" beantwortet, was zumindest einige Lacher einbrachte.

Das Set konzentrierte sich hauptsächlich auf das erste und dritte Album von Moderat, "II" wurde passenderweise nur mit zwei Songs berücksichtigt, dazu gesellte sich mit "Abandon Window" noch eine Jon Hopkins-Coverversion. Nach dem Song "No. 22" verließen Sebastian und Sascha die Bühne, und Gernot tat so, als blicke er sich unwissend und suchend um, begann dann aber allein, das Set mit "Milk" fortzusetzen. Im Verlauf des zehnminütigen Songs kehrten auch die beiden anderen wieder an ihre Arbeitsplätze zurück.


Einen gesonderten Zugabenblock gab es nicht, Moderat beendeten ihr Set mit dem viel umjubelten "Bad Kingdom", welches visuell von den für die Band typischen Grafiken untermalt wurde, und "Intruder", bei dem auch Gernot Bronsert Gesang beisteuerte.

Mir wurde das Gedrängel vor der Bühne irgendwann zu unangenehm, so dass ich versuchte, weiter nach hinten zu kommen - wo ich dann überrascht feststellte, dass das gesamte Gelände mittlerweile rappelvoll war - so richtig allein konnte man nirgendwo stehen.


Nach Ende des Sets beschlossen wir, nicht bis 6 Uhr morgens weiter zu feiern, sondern begaben uns wie viele andere Richtung Ausgang. Dabei passierte man im inneren Bereich einen offiziellen Merchandise-Stand mit Band-T-Shirts, der quasi verwaist war, während direkt vor dem Veranstaltungsgelände inoffizielle Shirts für 15 Euro an einem sehr professionell wirkenden Stand reißenden Absatz fanden.

Fazit: Selten habe ich mich bei einem Konzert so alt gefühlt. Musikalisch gefiel mir der Auftritt gut, litt aber durch das Gedrängel und die damit verbundene Hitze. Gut, dass unser letztes römisches Konzert mit U2 und Noel Gallagher (Hauptteil des Konzert-Triptychons) für unsere Altersgruppe zugeschneidert sein wird.

Setliste:

(Intro)
Ghostmother
A New Error
Running
Running (Remix)
Abandon Window (Moderat remix) (Jon Hopkins cover)
Eating Hooks
Eating Hooks (Siriusmo Remix)
Rusty Nails
Reminder
Animal Trails
Les Grandes Marches
Nr. 22
Milk
Bad Kingdom
Intruder

1 Mit "Villa Ada Roma Incontra il Mondo - Villaggi Possibili" hat Rom parallel sogar noch ein drittes Festival dieser Art.

Vollmond am Flughafen: The xx im römischen Ippodromo delle Capannelle

U.

Anders als mein Freund bin ich selten dafür zu haben, Bands in kurzen Abständen mehrmals hintereinander zu sehen. Unsere Rom-Reise war aber bereits geplant und gebucht, als er mit der Idee um die Ecke kam, zusätzlich zu U2 und Moderat auch The xx aufzusuchen, die im Rahmen der "Rock in Roma"-Konzertreihe auftraten, und die wir aber bereits im Februar live in Düsseldorf gesehen hatten - und ich war einverstanden. Rock in Roma hatten wir im Jahr 2013 auch schon zweimal besucht, einmal, um Sigur Rós zu sehen und ein zweites Mal für Blur. Dieses Jahr hat das Lineup außer The xx wenig Attraktives zu bieten, für The Offspring würde ich sicher nicht extra nach Rom fahren, und Kasabian kann man anderswo auch leicht sehen.

Deshalb erinnerten wir uns noch gut an den Veranstaltungsort, ein Reitstadion am Stadtrand von Rom, das sich auf dem Hinweg noch ganz gut per Vorortszug (letzte Haltestelle vor dem Flughafen Ciampino) erreichen lässt. Für die Rückreise nach Mitternacht ist man dann auf Shuttlebusse angewiesen, seit neuestem scheint es auch einen Sonderzug zurück zu geben.


Wir erinnerten uns aber besonders gut an die überaus langwierige Wartezeit auf beide Bands. Bei Rock in Roma denkt man sich offenbar, dass es doch schade wäre, all die Fress- und Getränkestände aufzubauen, die dann eigentlich nicht genug genutzt würden, weil pro Abend ja nur eine Band spielt. Also beginnt der Einlass geradezu unsinnig früh (18:30 für einen Konzertbeginn um 21:30), was natürlich bedeutet, dass man entsprechend früh erscheinen muss, um einen Platz mit guter Sicht zu ergattern. Und bei der zweieinhalbstündigen Wartezeit in glühender Hitze kann man dann schön mehrmals die Freunde zum Bier holen schicken.


An die lange Wartezeit in glühender Hitze bei akuter Langeweile und sich in kurzem Abstand wiederholenden Werbespots auf den LED-Wänden hatten wir noch so negative Erinnerungen, dass wir für dieses Mal beschlossen, später einzutreffen. The xx hatten wir dieses Jahr bereits in Düsseldorf gesehen und dort recht gute Plätze gehabt. Da sparten wir uns lieber die frühe Anreise und nahmen in Kauf, gegebenenfalls recht weit hinten zu stehen.

Unsere geplante späte Ankunft verzögerte sich sogar noch mehr, weil wir im Bahnhof den ersten Zug verpassen - er fuhr nämlich von einem Bahnsteig, der erst lange hinter der Bahnhofshalle begann. Als wir dann endlich den Veranstaltungsort erreichten, war es schon halb neun. Erstaunt stellten wir, nachdem wir diverse Einlasskontrollen passiert hatten, fest, dass die Bühne mittlerweile woanders steht. Das eigentliche Reitstadion wird nun nicht mehr genutzt, stattdessen werden Zuschauer zu einer Wiese umgeleitet.  Dorthin begaben wir uns nun und wurden nochmals überrascht, denn der Raum vor der Bühne war keineswegs voll. Mühelos konnten wir uns sogar bessere Stehplätze sichern, als wir in Düsseldorf gehabt hatten.


Überraschung Nummer 3 ereignete sich um Punkt 9 auf der Bühne, denn The xx hatten durchaus eine Vorband, wie der Bühnenaufbau - Jamies erhöhtes Pult war noch verhüllt, während vorne am Bühnenrand nur ein Mikrophon stand - bereits hatte erahnen lassen. Nun betrat eine hübsche junge Frau mit Gitarre die Bühne und legte sich dort sofort auf den Boden, so dass man sie quasi nicht mehr sehen konnte (größtenteils wurde sie von den Monitorboxen verdeckt). In dieser Position spielte GIUNGLA nun ihr erstes, instrumentales Lied.

Anschließend stand sie wieder auf und absolvierte den Rest ihres kurzen Sets stehend, wobei sie zu Beats vom Band Gitarre spielte und sang. Ihre Songs klangen zunächst sehr rockig im Stil von etwa Blood Red Shoes, später nahm ihr Gitarrenspiel dann eher Anleihen bei Daughter oder The xx. Das Publikum nahm die Musik ausgesprochen positiv auf und klatschte am Ende eifrig mit - bei meinen nun insgesamt fünf italienischen Konzertbesuchen hatte ich sowieso stets den Eindruck, dass das Publikum hier ausgesprochen respektvoll und wertschätzend agiert.


Ursprünglich war angekündigt gewesen, dass The xx um 21:30 auf der Bühne stehen würden. Nachdem GIUNGLA erst kurz vor dieser Zeit selbige verlassen hatte, war klar, dass sich der Beginn ein wenig verschieben würde - auf der Rock in Roma-Website war inzwischen auch von 22 Uhr die Rede. Doch auch wenn auf der Bühne enthüllt und gearbeitet wurde, tat sich lange hinsichtlich Konzertbeginn gar nichts - stattdessen musste ein Bühnenarbeiter mit Seelenruhe und einem winzigen Lappen sämtliche Spiegelflächen der Tourdeko von The xx reinigen.

Erst um 22:20 Uhr und nach zwei ungeduldigen Applauswellen betrat die Band endlich die Bühne. Eine Erklärung für den späten Beginn bekamen wir nicht, ich als Misanthropin vermute den Grund wiederum in unzureichenden Getränkeverkäufen der Veranstalter.


Während es bei unserer Ankunft noch ausgesehen hatte, als würde die Band vor einem halbleeren Zuschauerraum spielen, war es mittlerweile doch recht voll geworden, und alle im Publikum rissen nun die Handys hoch und filmten. Außer mir schienen außerdem sämtliche Konzertbesucher alle Lieder auswendig zu können.

Wie bereits in Düsseldorf glänzten The xx auch in Rom mit Charme: Romy erklärte recht früh im Set, es sähe wunderbar aus, wie wir im Abendlicht vor dem vollen Mond stünden, während Oliver sich dafür entschuldigte, dass die Band anscheinend zuletzt vor sieben Jahren in Rom aufgetreten war. Die Setliste war gegenüber der in Düsseldorf mittlerweile leicht umgestellt worden (tatsächlich legten neue Setlisten, die kurz vor Konzertbeginn verteilt worden waren, den Schluss nahe, dass man noch spontan umgeplant hatte). Dennoch wurden im Großen und Ganzen dieselben Songs gespielt, nur eben in neuer Reihenfolge. Lediglich "Chained" hatte es neu ins Live-Set geschafft, dafür waren "Basic Space" und "Sunset" nun nicht mehr dabei.


Am grundsätzlichen Ablauf - Romy und Oliver mit Gitarre und Bass singend vorne, gerne einander gegenüber stehend, dahinter Jamie erhöht und sehr beschäftigt an diversen Knöpfen und Schlaginstrumenten - änderte sich selbstverständlich nichts. An zwei Stellen gingen Lieder ineinander über: Zum einen wurde "Dangerous" zu "I Dare You", zum anderen gingen später in einem sehr dance-lastigen Teil erst "Fiction" und "Shelter" ineinander über, dann folgte ebenfalls ohne Pause Jamies Solo-Song "Loud Places. An dessen Ende hörte man im Mix bereits das Hall & Oates Sample aus "On Hold", und in der Tat kehrten Romy und Oliver nun zurück und spielten dieses Lied.


Völlig identisch zu Düsseldorf und vermutlich der ganzen Tour war, dass Romy nach einem kurzen Statement hinsichtlich Aufgeregtheit allein "Performance" vortrug, und zwar nur bis zum ersten Refrain, und dass sie anschließend von Oliver kurz umarmt wurde.

Gesprochen wurde auch noch ein wenig: Nach "VCR" erzählte Oliver dieses Mal, sein eigenes erstes Konzert seien The White Stripes gewesen, und er habe damals gedacht, dass ihn die Band an seinem Standort unmöglich sehen könne. Er könne aber mittlerweile sagen, dass man das Publikum sehr wohl von der Bühne aus sehr wohl erkennen könne (er hatte auch extra darum gebeten, uns anzuleuchten). Mehrmals sagte er, in Anspielung auf den Titel des aktuellen Albums, "I see you!" Später, vor "Angels", kam er nochmals aufs Thema Konzerte zurück und erklärte, dass diese für ihn als Besucher eine tolle Möglichkeit seien, den eigenen Alltag zu vergessen, und dass das hoffentlich für und ebenso sei.


Auch Romy hatte noch etwas zum Thema Konzerte zu sagen, denn sie erwähnte, bereits am Vorabend in Rom gewesen zu sein und bei Rock in Roma Lauryn Hill gesehen zu haben - und dass es nun eine große Ehre sei, auf der Bühne zu stehen, auf der gestern noch die andere Sängerin gewesen war. Außerdem lobte sie das "warm welcome", dass The xx in Rom erhalten hatten, und sprach von einem "perfect evening".

Dieser endete allerdings ohne Zugabe, nach "Angels" ging sofort die Abbaumusik los. Dennoch gefielen mit The xx auch beim zweiten Konzert im selben Jahr sehr gut. Die Musik schafft live wie auf Platte den Spagat zwischen Massentauglichkeit und Originalität, und man merkt einfach, dass die Bandmitglieder alle extrem mit ihrem Projekt und miteinander verbunden sind. Das konnte man sich auch gut ein zweites Mal im selben Jahr ansehen.


Setliste:

Intro
Crystalised
Say Something Loving
Islands
Lips
Chained
Dangerous
I Dare You
Performance
Infinity
A Violent Noise
Brave for You
VCR
Fiction
Shelter
Loud Places
On Hold
Angels

Neulich als Kanada Luxemburg besuchte: Arcade Fire in der Esch-sur-Alzetter Rockhal

U.

Anders als mein Freund bin ich selten dafür zu haben, Bands in kurzen Abständen mehrmals hintereinander zu sehen. Deshalb war ich auch nicht gewillt, ihn bei einem Luxemburg-Ausflug zu einem weiteren Konzert von Arcade Fire zu begleiten, die wir erst im Juni beim Best Kept Secret Festival in den Niederlanden sahen. Er fuhr dann ohne mich, und hier ist sein Bericht in Interviewform.

Du hast Arcade Fire doch gerade erst live gesehen. (Warum) war da ein weiterer Konzertbesuch notwendig?

Wir haben Arcade Fire zwar erst neulich beim Best Kept Secret Festival gesehen, standen aber doch ziemlich weit vom Geschehen weg, auch wenn sich 20.000 Leute hinter uns sicherlich unsere Plätze gewünscht hätten.


Lohnt sich dafür die Reise nach Luxemburg?

Auf jeden Fall, denn im Gegensatz zu dir konnte ich einen neuen Ground machen und ich wusste beim frühzeitigen Ticketkauf auch noch nicht, dass wir am nächsten Morgen nach Rom reisen würden. Die Rockhal in Esch-sur-Alzette fasst ungefähr 6.000 Zuschauer - selbst in der letzten Reihe hätte ich Arcade Fire vermutlich besser gesehen als neulich in den Niederlanden.


War das Publikum luxemburgisch oder gab es viele Konzertreisende?

Man hörte wieder ein munteres Sprachengemisch, was nicht verwundert, da Arcade Fire aktuell neben ihren Festivalauftritten nur ganz wenig eigene Konzerte spielen. Es waren sicherlich auch ein paar Luxemburger vor Ort, aber viel zu wenige, denn das Konzert war bei Weitem nicht ausverkauft. Wir waren rechtzeitig angereist, so dass wir in der zweiten Reihe stehen konnte, aber eine Dreiviertelstunde vor Konzertbeginn war dies immer noch die vorletzte Reihe. Erst danach füllte sich die Rockhal noch ausreichend. Aber von Gedränge und Gedrängel keine Spur, du hättest noch locker zwischen Christoph und mir Platz gefunden.


Gab es eine Vorband?

Nein, vermutlich wussten die Konzertplaner um unsere lange Anfahrt und meine frühes Aufstehen am nächsten Morgen. Da die kleine quadratische Bühne mitten im Konzertsaal stand und bereits komplett mit den Instrumenten von Arcade Fire bestückt war, wäre ein Support Act auch schwer umzusetzen gewesen.


Wie wurde die 360 Grad Bühne genutzt, mit der für das Konzert geworben wurde?

Ich hatte zuvor Fotos von einem Auftritt von Arcade Fire auf einer solchen Bühne in England gesehen und das sah ganz großartig aus. Näher können Zuschauer kaum einer Band solchen Bekanntheitsgrades kommen. Wir hatten zuvor schon überlegt, wo wir uns hinstellen sollten, und uns letztendlich für die Seite mit Win Butlers Stammplatz entschieden, den wir anhand zweier kleiner Metallpodeste, auf die er so gern steigt, gut identifizieren konnten. Da wir uns an einer Ecke der Bühne positionierten, hatten wir zwei Seiten im Blick. Letztendlich war dies die richtige Entscheidung, da sich der Sänger hauptsächlich entweder auf unserer Seite oder auf einer Erhöhung in der Mitte der Bühne zwischen den beiden Schlagzeugen aufhielt. Rund um die Bühne waren zahlreiche Mikrofone aufgestellt, die das muntere Durchwechseln der Bandmitglieder ermöglichten. Fast so wie beim Stationenlernen in der Schule. Regine konnte auf ihrem Laufzettel am meisten Stationen abhaken.  

    
Bei unserer jüngsten Begegnung mit der Band vor wenigen Wochen gab es ja regelrechte Fangesänge, zu denen Arcade Fires Mitglieder auch animierten. War das in Luxemburg auch so?

Ganz so wie im Fußballstadion oder bei einem Auftritt der Hermes Hose Band war es diesmal nicht, auch wenn die Band ihr Set erneut mit den Mitsing-Songs "Wake Up", "Everything Now", "Haïti" und "Here Comes The Night Time" eröffnete.
Die tollste Zuschauer-Animation gab es, als bei "Creature Comfort" das Publikum rund um die Bühne im Takt die Arme schwenkte. Das war schon sehr sehenswert und hatte etwas von Bühne/Schiff im wogenden Arme-/Wellenmeer. 

Sonst kann ich noch erzählen, dass Régine zu "Sprawl II (Mountains Beyond Mountains)" mal wieder ihre Bänder auspackte, die sie wohl noch von einem Kurs in der Rhythmischen Sportgymnastik übrig hat und dass William Butler, der bei "Rebellion (Lies)" auf dem Best Kept Secret Festival mit einer großen Trommel das Bühnengerüst empor geklettert war, plötzlich mit dem Kopf in dieser Trommel da stand. Wie das passiert war, konnte ich nicht sehen, aber "Nichts sehen" war für den ständig umtriebigen Butler auch kein Hindernis weiter über die Bühne zu torkeln und später Schlagzeug zu spielen.


Hatten The Arcade Fire wieder ihre Merchandise-Outfits an? Waren es die gleichen, oder hat da jedes Bandmitglied eine Auswahl?

Alle Männer waren wieder in ihre Everything Now-Phantasieuniformen gekleidet, auch wenn sich diese nicht nur untereinander sondern auch zum Auftritt beim Best Kept Secret Festival unterschieden. Die Damen machten dabei nicht mit: Während Sarah Neufeld (Geige, Keyboards) im kurzen schwarzen Kleid kam, schien Régine Chassagne in ihrem blauen Kunstleder-Einteiler direkt aus den 80er Jahren zu kommen. Ihre neonfarbenen Handschuhe hat sie offensichtlich auch in mehreren Farben.


Wurden andere Lieder vom neuen Album vorgestellt als wir bereits in Holland gehört hatten?

Tatsächlich hat einige Tage vor dem Auftritt in Luxemburg mit "Chemistry" ein weiterer neuer Song seine Live-Premiere gefeiert. Leider ist dieses sehr monotone Lied das schwächste der vier und bildete zusammen mit den danach gespielten "Signs Of Life" auch den schwächsten (= einzigen nicht überragenden) Teil des Konzertes. "Creature Comfort" gefällt mir mittlerweile sogar besser als "Everything Now".


Wie lange hat der Spaß denn gedauert? Und gab es Zugaben?

Vielleicht das einzige Manko des Konzertes: es war zu kurz. Beim Festivalauftritt boten Arcade Fire gleich 20 Lieder in ihrem Set, bei ihrem eigenen Auftritt in Köln waren es zwei Tage zuvor nur 17 gewesen. In Luxemburg waren es im Hauptteil 15 gewesen, denen sich aber nur ein Song als Zugabe anschloss. Während es beim beim Best Kept Secret Festival mit "Windowsill", "Neon Bible" und "The Suburbs" einen im Tempo sehr gemäßigten Teil gab, bei dem alle Beteiligten etwas verschnaufen konnten, jagte in Luxemburg ein temporeiches Lied das nächste.
Zu "Neon Bible" kamen Arcade Fire zurück auf die Bühne und Win gab wieder ein Statement zur politischen Lage in den USA ab, was annähernd die einzige Kommunikation mit dem Publikum war. Es scheint auch Usus zu sein, dass das Publikum bei diesem Song seine Mobilgeräte einschalten und leuchten soll. Als Arcade Fire danach die Bühne wieder verließen, stimmte der Sänger noch einmal den Mitsingpart von "Wake Up" an, was vom Publikum natürlich aufgegriffen und wiederholt und wiederholt wurde. Auch wenn danach die Saallichter angingen und die Band nicht mehr zurückkehrte, endete so ein wirklich tolles Konzerterlebnis. Wann wird man Arcade Fire noch einmal so hautnah erleben dürfen?  


Hast du mir etwas mitgebracht?

Christoph konnte mich gerade noch zurückhalten, sonst hätte ich dir diese Jeansjacke mitgebracht, aber 100 € waren mir dann doch zu viel. Da bestelle ich dir doch lieber noch den Strickpullunder von The Divine Comedy.


Hast du außer den schönen Fotos auch an die Setliste gedacht?

Klar:

Wake Up
Everything Now
Haïti
Here Comes the Night Time
Chemistry
Signs Of Life
No Cars Go
Ready to Start
Neighborhood #1 (Tunnels)
Reflektor
Afterlife
Creature Comfort
Neighborhood #3 (Power Out)
Rebellion (Lies)
Sprawl II (Mountains Beyond Mountains)

Neon Bible

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